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AWO Sprachheilzentrum Bad Salzdetfurth


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Interkulturelle Kommunikation: Herausforderung in Elterngesprächen


Interkulturelle Woche 2014

„Treffen sich ein Deutscher, ein Chinese und ein Engländer.“ Haben Sie schon mal einen Witz gehört, der so oder ähnlich anfing?

In diesem Satz ist oft schon vorangedeutet, worum es im Witz gehen wird, und worauf sich die Pointe beziehen wird. Meistens geht es um Missverständnisse, die durch kulturelle Verschiedenheit der Beteiligten entstehen. Zwar beruhen diese Scherze meist auf Stereotypen, also stark vereinfachten und klischeehaft dargestellten Charakteren, ein Fünkchen Wahrheit steckt aber trotzdem manches Mal darin.

Vor allem in einer Tatsache: Ich selbst weiß zwar von vielen Stereotypen über Kulturen, aber leider nicht wirklich viel darüber, wie sie tatsächlich funktionieren. Das erkennt man daran: Der Stereotyp eines Deutschen trägt Lederhosen, hört Blasmusik und hat immer Bier in der Hand. Entspricht das Ihrer Wirklichkeit? Meiner jedenfalls nicht. Probieren Sie folgendes Gedankenexperiment: Denken Sie an Mercedes-Fahrer. Was verbinden Sie mit ihnen auf der Autobahn? Wäre Ihre Wahrnehmung eine andere, wenn Sie sich vorstellen, Sie treffen einen in entspannter Atmosphäre bei einer Hausparty?

Auch bei meinen Vorstellungen von anderen Kulturen gilt: Ich habe zwar irgendwelche Ideen davon im Kopf, wie „die“ leben, aber einen tatsächlichen Eindruck habe ich nicht. Viele der kulturellen Eigenschaften, die mich selbst ausmachen, gibt es in anderen Kulturen nicht; dafür sind mitunter ganz andere Dinge wichtig. Vielleicht besteht zum Beispiel ein ganz anderes Bild von Gesundheit, Krankheit, Pflege und dergleichen mehr.

So wird für mich die Diskussion mit Angehörigen für mich fremder Kulturen sehr viel komplizierter, wenn ich als Sprachtherapeut ein Elterngespräch führe. Was ist mir wichtig, was ist den Eltern wichtig? Welche Unterschiede gibt es beispielsweise im Kommunikationsverhalten? Ist auch von den Eltern erwünscht, dass ihr Kind Augenkontakt aufnimmt, oder empfinden sie es – kulturell bedingt – als unverschämt? Derartige Fragen sind eine Herausforderung, der ich mich stellen muss, wenn ich an einer konstruktiven Zusammenarbeit mit Eltern aus mir fremden Kulturen interessiert bin.

Dabei muss mir eines die ganze Zeit bewusst sein und bleiben: Ich habe eine kulturelle Prägung. Schließlich haben mich meine Eltern dazu erzogen, mich so zu verhalten, wie es sich in unserer heimischen Kultur gehört. Alles, was ich als Kind gelernt habe, ist für mich Normalität im Sinne von „so ist das halt bei uns“. Das bedeutet aber auch: Verhält sich jemand davon abweichend, ist sein Benehmen für mich nicht „normal“.

Ein Beispiel: Für mich ist wichtig, dass Termine konkret abgesprochen und eingehalten werden. Unser ganzes zeitliches System ist so organisiert, zum Beispiel durch Stundenpläne in den Schulen (immer ein Schulfach je 45 Minuten) oder bei Amtsterminen. Mir ist klar, wenn ich zu spät komme, ist wahrscheinlich die Tür zu, und ein anderer Klient ist an der Reihe, weil das bei uns „eben so ist“. Dafür gibt es ein Fachwort: Ich bin „monochron“. Ich habe nur eine Uhr, und auf der laufen alle Aktivitäten nacheinander ab.

Im Gegensatz dazu gibt es auch „polychrone“ Zeitverständnisse. Das bedeutet „viele Uhren“. Eine für die Hausarbeit, eine andere für Freunde, die mich besuchen kommen und so weiter. Ich verabrede mich nicht um 19:00 Uhr, sondern für „heute Abend“, und irgendwann am Abend kommen meine Freunde mich besuchen. Falls ich dann noch mit Staubsaugen beschäftigt bin, ist das aber nicht schlimm (es ist „normal“, dass mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ablaufen, so echt „multitasking“).

Neben meiner mir anerzogenen „Normalität“ gibt es noch mindestens hunderte andere Normalitäten. Als selbstverständlich kann ich nichts annehmen. Außer, ich bin mir sicher, mein Gegenüber gehört derselben Kultur an wie ich, und wir haben ein Einverständnis darüber, wie wir mit bestimmten Dingen verfahren („Das macht man so.“). Was bedeutet das aber für mein Elterngespräch?

Zunächst muss ich herausfinden, ob meine Wünsche und Ziele für das Kind mit denen der Eltern übereinstimmen. Wo das nicht der Fall ist, müssen Kompromisse gefunden werden, kurz: Wir finden eine gemeinsame Grundlage. Wir entwickeln dabei sozusagen aus zwei Kulturen eine neue, wir stimmen Regeln und Bedeutungen ab. Aus unserer Vielfalt wächst etwas Neues, Konstruktives, Gemeinsames. Niemand soll dabei etwas aufgeben – es geht darum, aufeinander zuzugehen und gegenseitiges Verständnis zu erreichen.

„Treffen sich zwei Eltern und ein Sprachtherapeut“ – so könnte „mein“ Witz anfangen. Aber eine Pointe, die auf Missverständnissen beruht, sucht man in diesem Fall meistens vergebens.

(hw(hg)

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Deutschlands Kindern geht es gut – aber sind sie auch glücklich?

Unicef-Studie zum Kinderglück

Unicef-Studie zum Kinderglück

Eine neue Unicef-Studie stellt Deutschland ein gutes Zeugnis aus: Unsere Kinder sind gut versorgt, fühlen sich sicher und sie werden gut gefördert. Vorbei sind die Zeiten, als die Pisa-Studie Deutschlands schulische Förderung in Frage stellte – aber wie sehen das die Kinder selbst? Haben die Verbesserungen auch zu mehr Zufriedenheit geführt?

Eher nicht, sagt die Studie. Einen hinteren Mittelplatz belegt Deutschland. Wohlstand, Sicherheit und Förderung alleine machen weder zufrieden noch glücklich. Es gehört noch einiges mehr dazu. Was dies ist, können wir evtl. von unseren Nachbarn lernen: Die Niederländischen Kinder fühlen sich nicht nur am wohlsten, sondern sind auch die Zufriedensten.

Wer sich für die Studie interessiert – hier ist sie nachzulesen:
http://www.unicef.de/aktuelles/2013/04/10/die-frage-nach-dem-glueck/

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Gemeinschaft als Schlüssel zum Glück?

(as/hmo)